Wenn Sie gesetzlich versichert sind und einen Facharzttermin brauchen, wissen Sie vermutlich, wie das läuft: Wochenlange Wartezeiten sind fast schon normal. Privatpatienten kommen oft schon am nächsten Tag dran. Diese Zwei-Klassen-Medizin ist in Deutschland längst Alltag – Kassenpatienten warten im Schnitt sechs Wochen oder länger auf einen Facharzttermin.

Das Gesundheitssystem in Deutschland behandelt Sie unterschiedlich, je nachdem, wie Sie versichert sind. Privatversicherte kommen bevorzugt dran, während Kassenpatienten oft monatelang auf wichtige Untersuchungen warten.
Die Gründe dafür liegen ziemlich tief im System. Die Vergütungsstruktur und einige andere Faktoren sorgen dafür, dass Sie als gesetzlich Versicherter schnell ins Hintertreffen geraten. Lösungsansätze gibt es, aber die sind nicht gerade einfach umzusetzen.
Zwei-Klassen-Medizin und Terminvergabe: Die Realität für Kassenpatienten

Privatversicherte bekommen Termine oft schon am nächsten Tag. Sie als gesetzlich Versicherter warten dagegen sechs Wochen oder länger. Diese Unterscheidung betrifft 90 Prozent der Menschen in Deutschland und wirkt sich spürbar auf Ihre Versorgung aus.
Bevorzugung von Privatpatienten bei Arztterminen
Bei der Terminvergabe geraten Kassenpatienten ins Hintertreffen. Arzthelferinnen erzählen ganz offen, dass sie im Alltag klare Anweisungen bekommen. Eine ehemalige Arzthelferin hat berichtet, dass sie beim Orthopäden Kassenpatienten möglichst keine Folgetermine geben sollte.
Warum passiert das? Privatpatienten bringen der Praxis mehr Geld. Als Kassenpatient generieren Sie nur eine Pauschale von etwa 40 Euro pro Quartal, egal wie oft Sie kommen. Privatversicherte zahlen dagegen jede Leistung einzeln. Ein Arzt sagt dazu: „Die Privatpatienten sind für uns ein Benefit, um Geräte und Personal zu finanzieren.“
In Kinderarztpraxen sieht man das besonders deutlich. Da sitzen kranke Kinder von Kassenpatienten im Wartezimmer, während Privatversicherte viel schneller drankommen.
Fakten zu Wartezeiten und Facharztterminen
Die Wartezeiten unterscheiden sich wirklich stark:
- Privatpatienten: Termin oft am nächsten Tag
- Kassenpatienten: 6 Wochen oder länger bei Fachärzten
- Kardiologe: Wartezeiten bis zu 4 Monaten sind möglich
Gerade bei Facharztterminen wird das zum Problem. Stefan H., 67 Jahre alt und Herzpatient, bekam einen Termin erst in vier Monaten. Sein Herz hat das nicht ausgehalten – er landete in der Notaufnahme.
Der GKV-Spitzenverband bestätigt diese systematische Benachteiligung. 90 Prozent der Menschen sind betroffen. Eigentlich sollte nur die medizinische Notwendigkeit über die Terminvergabe entscheiden – nicht, wie Sie versichert sind.
Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung
Die Zwei-Klassen-Medizin kann Ihre Gesundheit gefährden. Lange Wartezeiten werden schnell gefährlich. Herzpatienten warten monatelang auf wichtige Untersuchungen, Krebsvorsorge verzögert sich, chronische Erkrankungen verschlechtern sich ohne rechtzeitige Behandlung.
Das Budgetsystem verschärft die Lage: Ist das Arztbudget aufgebraucht, bekommt der Arzt kein zusätzliches Geld für weitere Kassenpatientenbesuche. Für Sie bedeutet das:
- Weniger Zeit pro Termin
- Manchmal keine Folgetermine im selben Quartal
- Verkauf von Privatleistungen, die eigentlich die Kasse zahlen müsste
Solange es verschiedene Versicherungsarten gibt, werden die Unterschiede wohl bleiben.
Strukturelle Ursachen der Zwei-Klassen-Medizin

Das deutsche Gesundheitssystem hat verschiedene Vergütungsmodelle und Abrechnungssysteme eingebaut. Diese Strukturen führen dazu, dass Ärzte Patienten unterschiedlich behandeln. Die Finanzierung über zwei getrennte Systeme und verschiedene Erstattungsprinzipien verstärken die Unterschiede noch.
Unterschiede zwischen GKV und PKV
Sie erleben die Zwei-Klassen-Medizin vor allem, weil es die gesetzliche und die private Krankenversicherung gibt. Als GKV-Versicherter bekommen Sie Sachleistungen nach dem Wirtschaftlichkeitsgebot.
Die gesetzlichen Krankenkassen versichern etwa 90 Prozent der Bevölkerung. Der GKV-Spitzenverband verhandelt einheitliche Preise und Leistungskataloge mit den Ärzten. Das sorgt für Standardisierung, aber schränkt auch die Behandlungsoptionen ein.
Private Krankenversicherungen funktionieren anders. Als Privatpatient zahlen Sie erst mal selbst und reichen die Rechnung dann ein. Je nach Tarif bekommen Sie unterschiedlich viel erstattet.
Zusatzversicherungen können die Lücke ein bisschen schließen. Sie erweitern als GKV-Versicherter Ihren Anspruch um privatärztliche Leistungen oder Chefarztbehandlung.
Vergütungssysteme und wirtschaftliche Anreize
Ihr Versichertenstatus entscheidet direkt, wie Ihr Arzt vergütet wird. Bei GKV-Patienten gibt’s eine Pauschale von etwa 40 Euro pro Quartal – egal, wie oft Sie kommen.
Das sorgt für schwierige Anreize. Zusätzliche Leistungen wie EKG oder Blutentnahme bringen dem Arzt oft kein Extra-Honorar. Privatpatienten zahlen jede Einzelleistung separat nach der Gebührenordnung für Ärzte.
Ein Beispiel: Eine Ultraschalluntersuchung bei Oberbauchschmerzen bringt bei Privatpatienten über 70 Euro mehr als bei Kassenpatienten. Kein Wunder, dass Sie als Selbstzahler oder Privatpatient schneller Termine bekommen.
Ärzte brauchen die höheren Einnahmen von Privatpatienten, um ihre Kosten zu decken. Personal und Geräte kosten viel – die GKV-Pauschalen reichen meistens einfach nicht.
Rolle des Sachleistungsprinzips und der Kostenerstattung
Das Sachleistungsprinzip der GKV bedeutet für Sie: Behandlung ohne Vorkasse. Ihre Krankenkasse rechnet direkt mit dem Arzt ab und übernimmt alles, was medizinisch notwendig ist.
Das hat Vor- und Nachteile:
- Vorteile: Keine finanziellen Vorleistungen, standardisierte Qualität
- Nachteile: Eingeschränkte Leistungen, längere Wartezeiten
Die Kostenerstattung bei Privatversicherungen läuft anders. Sie zahlen erst selbst und haben dadurch mehr Auswahl. Ärzte bieten mehr Diagnostik an, weil jede Leistung bezahlt wird.
Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen kritisiert, dass 90 Prozent der Bevölkerung systematisch benachteiligt werden. Die verschiedenen Abrechnungssysteme sorgen dafür, dass oft nicht die medizinische Notwendigkeit, sondern Ihr Versichertenstatus über Termin und Behandlung entscheidet.
Auswirkungen für Betroffene und Lösungsansätze
Die langen Wartezeiten – oft sechs Wochen oder mehr – treffen Kassenpatienten hart. Es gibt aber ein paar Ansätze, um das Problem der ungleichen Terminvergabe zumindest etwas abzumildern.
Folgen für Patienten und Beispiele aus der Praxis
Wenn Sie als Kassenpatient wochenlang auf einen Facharzttermin warten, kann sich Ihr Zustand verschlechtern. Bei akuten Beschwerden leiden Sie dann unnötig.
Konkrete Auswirkungen:
- Verzögerte Diagnosen bei ernsten Krankheiten
- Chronische Schmerzen bleiben unbehandelt
- Geplante Operationen verschieben sich um Monate
- Psychische Belastung durch die Unsicherheit
Gerade bei Orthopäden und Hautärzten merkt man das besonders. Privatpatienten bekommen oft am nächsten Tag einen Termin. Gesetzlich Versicherte warten nicht selten sechs Wochen oder länger.
Die freie Arztwahl macht es manchmal noch schlimmer. Beliebte Praxen haben dadurch noch längere Wartelisten.
Maßnahmen zur Verbesserung der Terminvergabe
Die Nummer 116 117 kann Ihnen bei der Terminfindung helfen. Über 64.000 Praxen stellen dort jedes Jahr rund 1,78 Millionen Termine ein.
Praktische Tipps:
- Terminservice der Kassenärztlichen Vereinigung (116 117)
- Online-Terminbuchung über offizielle Portale
- Nachfragen bei Ihrer Krankenkasse nach Vertragsärzten
- Offene Sprechstunden ohne Termin
Ihre Krankenkasse kann Ärzte vermitteln, mit denen besondere Vereinbarungen bestehen. Der Haken: Die Praxis liegt vielleicht weiter weg und Sie kennen den Arzt nicht.
Eine Zusatzversicherung kann Wartezeiten verkürzen, kostet aber natürlich extra.
Politische Debatte und Reformvorschläge
Gesundheitsminister Karl Lauterbach bringt verschiedene Reformen ins Gespräch. Auch andere Politiker mischen sich ein.
Die SPD fordert verpflichtende offene Sprechstunden.
Aktuelle Reformideen:
- Privatpatienten sollen erst zum Hausarzt gehen, nicht direkt zum Facharzt.
- Es soll mehr offene Sprechstunden ohne Termin geben.
- Die 116 117 soll Patienten besser steuern.
- Für alle soll es eine einheitliche Krankenversicherung geben.
Gesundheitsökonomen glauben nicht, dass eine Bürgerversicherung allein das Problem löst. Klar, sie würde die Versorgung vereinheitlichen, aber ob das effizienter wäre?
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung verlangt mehr Geld für den Ausbau der Terminservices. Sie meint, nur so lässt sich die Patientensteuerung wirklich verbessern.




